hörBAR im Gewölbekeller

RADIO LIVE ERLEBEN

Die hörBAR  – inspiriert vom Bremer Hörkino – präsentiert ausgewählte Radio-Feature und Gespräche mit den Journalist*innen im Anschluss. Die Hörstücke schaffen dabei den Spagat zwischen Qualitätsjournalismus und Radiokunst, sie recherchieren, informieren, reflektieren und kreieren zugleich ein anspruchsvolles Hörerlebnis.

Konzeption & Moderation: Judith Zwick

Berlin, 24. September 2017: Im blauen Discolicht eines Clubs am Alexanderplatz feiert die Alternative für Deutschland ihren Erfolg bei der Bundestagswahl. Vor der Tür skandiert eine Menschenmenge: “Ganz Berlin hasst die AfD.” Zwei Tage später rückt die neue, fast 100 Köpfe starke Rechtsfraktion in das Reichstagsgebäude ein, spricht vor provisorisch errichteten blauen Stellwänden in einen Wald von Mikrofonen.  Manch Journalist fühlt sich wie ein Hund, der an einem neuen Knochen jagt. Und fragt sich: Was habe ich dazu beigetragen? Ist das auch mein blaues Wunder? Während die Büros der Neuen im Bundestag eingeräumt werden, ist auf den Fluren der Meinungsführer viel von Krisen die Rede: vom Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverlust der Politik – Medien inklusive, von Wut und Ohnmacht in Zeiten von Postdemokratie und Populismus, von einer drohenden Verrohung von Sprache und Demokratie, von Volkes Stimme und Stimmungen. Wir müssen sie verstehen und auffangen, sagen die einen. Wir müssen dagegen aufstehen und sie bekämpfen, die anderen. Doch wer ist hier Volk? Und wer sind eigentlich wir?

TOM SCHIMMECK ist  freier Journalist und Publizist, nach Jahren bei der taz, der Frankfurter Rundschau und beim Spiegel. Er veröffentlicht in Zeitungen, Zeitschriften und im Rundfunk vor allem Reportagen, Radiofeatures, Portraits, Kommentare und Kolumnen. Sein Buch über die Krise der Öffentlichkeit  Am besten nichts Neues erschien 2010.

Die türkische Gesellschaft ist tief gespalten, die Konflikte in der Türkei sind hier längst angekommen. Und die Deutschtürken müssen sich, so scheint es, einmal mehr entscheiden zwischen “Loyalität” oder “Landesverrat”. Hierzulande hat jeder eine Meinung zur Türkei und zum “Türken”, auch wenn die wenigsten enge Kontakte pflegen zu einer oder einem der rund drei Millionen Türkeistämmigen. Das Feature gibt einen Einblick in die “türkische Community” und bleibt dabei nicht vor den Türen türkischer Cafés stehen. Sein Autor besucht Familien, die sich über Erdoğan zerstreiten, hört jungen deutsch-türkischen Nationalisten zu, zeigt, wie es sich so lebt zwischen den Stühlen und fragt: Warum sich viele Deutschtürken nicht als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft fühlen? Weshalb vielen Türkeistämmigen die Ablehnung Deutschlands so viel Kraft gibt? Und warum Worte wie “Leitkultur” und “Integration” zu Kampfbegriffen werden? Liegt das an den Parallelstrukturen der größten Minderheit? Oder liegt das auch an Deutschland und den Deutschen?

SAMMY KHAMIS arbeitet als freier Journalist vor allem fürs Radio (u.a. BR, SWR, ORF). 2011 war er zufällig in Kairo auf dem Tahrir-Platz, als die Revolution in Ägypten begann. Mittlerweile ist er mindestens vier Mal im Jahr in Ägypten und berichtet von dort oder von anderen politischen Unruhen. Mit Kamera und Aufnahmegerät hat er seitdem auch die Proteste in Istanbul begleitet.